Humanyze misst soziale Daten der Mitarbeiter: Traum- oder Horrorvorstellung?

Das US-Startup Humanyze bietet Unternehmen kreditkartengroße Tracker an, die das soziale Verhalten von Mitarbeitern aufzeichnen. Die Daten sollen zu einem besseren Arbeitsklima beitragen, aber mag man solche Versprechen glauben?

Erst die Tage hatten wir an dieser Stelle die künstliche Intelligenz IBM Watson vorgestellt. Die war eigentlich dazu gedacht, dem Menschen in vielen Fragen zu helfen, wird aber gerade in Japan eingesetzt, um Arbeitsplätze abzubauen. Derzeit macht das bereits seit 2011 existierende US-Startup Humanyze wieder die Runde. Es bringt sein soziales Messsystem für Mitarbeiter mittlerweile auch nach Europa. Damit können Arbeitsumgebungen verbessert werden, während Manager ein perfektes Überwachungssystem an die Hand bekommen.

Wie freiwillig kann freiwillig sein?

Man könnte also sagen, Humanyze wäre von Anfang an umstritten. Der Name leitet sich vom englischen to humanize ab, zu deutsch also: humanisieren, menschlich machen oder auch: eine persönliche Note geben. Schon die Humanyze-Website liest sich ähnlich zwiespältig. Es gehe um Teamwork und Engagement, heißt es dort, der optimale Freiraum für Mitarbeiter könnte so ermittelt werden. Und: Prozesse könnten optimiert werden – was schon wieder eher nach Drangsalierung klingt.

Es gibt bei Humanyze Dashboards für jeden einzelnen Mitarbeiter, aber auch für das Management zur Einsicht. Zwar sollen die Daten anonymisiert werden – mal ganz abgesehen davon, dass die Nutzung ohnehin auf Freiwilligkeit basieren soll – allerdings erhalten Führungskräfte auch Einblick darin, welche Teams produktiver arbeiten als andere und warum.

Humanyze besteht eigentlich aus kreditkartengroßen Trackern, die ein Mitarbeiter mit sich führt. Messen kann dieser Tracker das Schlaf- und Sozialverhalten. Redet der Nutzer viel mit anderen und wie verlaufen seine Gespräche? Sowohl am Arbeitsplatz als auch privat könnten Freiwillige diese Tracker einsetzen, etwa auch bei Dates. Hier werden dann weitere Messfaktoren wie Puls oder Stimmlage ins Verhältnis gesetzt. Ein Unternehmen, das die Tracker dem Vernehmen nach einsetzt, ist das Beratungshaus Deloitte.

Wer will schon gerne überwacht werden?

Technology Review lässt in einem Beitrag zu Humanyze passenderweise Kritiker zu Wort kommen. Ökonomen warnen darin vor einer solchen Technik. Mitarbeiter, die nicht überwacht würden, würden effektiver arbeiten, weil sie sich freier fühlten und dem Unternehmen Gutes wollten. Aber längst nicht jeder Chef denkt so modern. Vielleicht ist das Arbeitsklima bereits ruiniert und man versucht nun, die Schwachstellen herauszufiltern. Dann kann Humanyze sowohl für gute als auch für schlechte Zwecke eingesetzt werden. Freiwilligkeit und Anonymität der Daten sind ein hehrer Anspruch. Aber in der Praxis könnten Mitarbeiter dann doch dazu drangsaliert werden, die Geräte zu benutzen und ihre Daten mit Kollegen und Vorgesetzten zu teilen.

Also wieder einmal ein Fall, indem die Technik Licht- und Schattenseiten hat. Klar, mit intelligenten Trackern wie von Humanyzer lassen sich eine Menge Daten sammeln, Schwachstellen aufspüren und dadurch das Arbeitsklima verbessern. Und die Daten, die dabei ermittelt werden, könnte hochinteressante Metriken zu unserem Arbeitsverhalten liefern.

Ich gehe allerdings eher davon aus, dass Humanyze negative Effekte auf das Arbeitsklima hätte. Setzt das Management diese Tracker ein, suggeriert es damit ja schon, dass etwas im Argen liegt. Mitarbeiter würden sich überwacht fühlen und dabei unnatürlich verhalten. Mich erinnert das ganze entfernt ein wenig an den kurzlebigen Lifelogging-Trend mit Geräten wie dem Narrative Clip. Das war auch gut gemeint, trat allerdings einen Schritt zu weit in die Privatsphäre der Menschen ein. Und ich glaube, mit Humanyze verhält es sich genauso.

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