Künstliche Intelligenz schafft neue künstliche Intelligenz: Büchse der Pandora?

Software für Künstliche Intelligenz, die neue Software für künstliche Intelligenz schreibt. Google und andere könnten nun den ersten Schritt dafür geliefert haben. Die Reaktion darauf ist: Angst. Zurecht?

Kürzlich bekam ich eine Pressemeldung der Preview-Event-Reihe. Auf „Preview“-Events stellen Unternehmen Neuheiten von Technikmessen wie CeBIT, IFA oder Mobile World Congress schon vor Beginn einer Messe vor. Eigentlich begrüßt man auf diesen Veranstaltungen den technischen Fortschritt. Diese Meldung allerdings klang irgendwie ängstlich:

„Der Tech-Schock: KI-Software von Google lernt KI-Software zu schreiben“

… heißt es in der Überschrift. Und weiter:

„Jetzt schockt Google die Welt mit einer neuen Meldung: Forschern sei es jetzt gelungen, KI in die Lage zu versetzen, selbst KI-Software zu schreiben. Wird der Mensch überflüssig?“

Hier scheint es mir um ein grundsätzliches Technikverständnis zu gehen. Der technische Fortschritt soll dem Menschen zu Gute kommen. Aber wenn er den Menschen überflüssig macht, dann grassiert die Angst. Es ist nicht zwingend die Furcht vor einer Welt, wie sie in den Filmreihen „Terminator“ und „Matrix“ dargestellt wird. Die Maschinen haben dort den Menschen überholt, brauchen ihn nicht mehr und wollen ihn loswerden. Mehr scheint mir darin die Angst begründet zu liegen, dass Millionen von Menschen ihre Arbeit verlieren könnten.

Das hat der technische Fortschritt schon immer mit sich gebracht. Jobs wurden verlagert. Im ausgehenden 19. Jahrhundert war zum Beispiel der Beruf des Kutschers immer weniger gefragt, als Eisenbahnen und Automobile sich durchsetzten. Jobs entstanden dafür in den neuen Industrien.

Die Angst jetzt reicht tiefer. Diesmal haben die Menschen Angst, dass gar keine neuen Jobs entstehen, sondern der Mensch schlicht gar nicht mehr gebraucht wird. Es gibt bald 8 Milliarden Menschen auf diesem Planeten. Was machen die alle den ganzen Tag, wenn künftig nur noch Maschinen eingesetzt werden, und vor allem: wovon sollen sie leben? Den Forschern im Silicon Valley und anderen Techhubs weltweit scheinen jegliche Bedenken egal zu sein. Sie machen was möglich ist und öffnen die Büchse der Pandora.

Zum Wohle oder zur Abschaffung des Menschen?

Ich mag mich diesem Technikpessimismus nicht so ganz anschließen. Sicher, viele Berufe sind derzeit in Gefahr, auch meiner. Aber wird der Mensch wirklich in allen oder sogar den meisten Industrien völlig obsolet? Ich denke nicht. Schauen wir doch erst einmal in die Originalmeldung über Googles schlaue KI, vorgestellt von MIT Technology Review. Darin heißt es (Übersetzung und Hervorhebung von mir):

In einem Experiment haben Wissenschaftler der künstlichen-Intelligenz-Forschungsgruppe Google Brain mit Hilfe einer Software ein Maschinenlernprogramm erschaffen, das eine andere sprachverarbeitende Software testet und bewertet. Das Ergebnis übertraf, was ähnliche Software leistete, die von Menschen geschrieben wurde.

Es geht also um eine kleine Testsoftware. Getestet wurde sie erst in einem Experiment und sie war besser als eine Lösung, die von Menschen geschrieben wurde, von der wir nicht wissen, wie hochwertig sie eigentlich war.

Der Beitrag listet weitere Institute auf, die an Lernsoftware arbeiten, die weitere Lernsoftware entwirft, darunter Open AI, die Universität Berkeley und eine weitere Google/Alphabet-Forschungsgruppe, DeepMind. Forscher weltweit sind begeistert, weil künstliche Intelligenz mit Hilfe von Deep Learning dabei einen enormen Schritt vorwärts gehen könnte. Bisher liege die Arbeit auf den Schultern einiger weniger Experten für künstliche Intelligenz. Auch wenn die Software, die andere Software schreibt, noch in einem frühen Stadium ist: Hier könnte der Schlüssel dazu liegen, der Technik zu einem enormen Schub zu verhelfen.

Künstliche Intelligenz wird heute in meinen Augen hauptsächlich dazu eingesetzt, um dem Menschen zu helfen. Sei es in Simultanübersetzungen oder Objekterkennung, die selbstfahrende Autos (oder Flugzeuge und Schiffe) ermöglicht. Derzeit sehen wir auch viele so genannter persönlicher Assistenten in Smartphones, Autos oder auch Lautsprechern für den Hausgebrauch wie Amazon Echo (mit der Assistentin Alexa) oder Google Home. Auch Chatbots gehen in Richtung künstlicher Intelligenz und sie könnten Arbeitsplätze in Servicecentern ersetzen.

Künstliche Intelligenz vernichtet Jobs. Wirklich? Immer?

Bisher scheint es mir aber, als würden die ersten dieser Assistenten eher Aufgaben ersetzen, für die es bisher noch gar keine berufliche Entsprechung gab. Ein persönlicher Assistent, der mir zuhause den Wetterbericht, Nachrichten oder meine Termine vorliest. Ein Auto, das an Stelle von mir fährt. Welcher Beruf soll dabei jeweils ersetzt werden? Sicher, es gibt Simultandolmetscher und Chauffeure, aber die werden ohnehin nur für besondere Personengruppen und Situationen benötigt. Die ersten dieser Assistenten dienen der breiten Masse.

Und ja, dabei sollte es bleiben: einem Dienen. Und sollten wirklich immer mehr Jobs auf der Kippe stehen, müssen Staaten reagieren. Zum Beispiel mit einem bedingungslosen Grundeinkommen, mit einer verbesserten Berufs- und Fortbildungsberatung und staatlich geförderten Ausbildungen. Denn Arbeit an sich – davon gehe ich ganz schwer aus – wird so schnell nicht aussterben.

Beitragsbild: Sean Davis unter CC-Lizenz BY-ND 2.0

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