Mindflix: Netflix nur mit leichten Bewegungen und Gedanken steuern

Auf einem Netflix-eigenen Hackathon haben Entwickler die scherzhaft gemeinte Erweiterung Mindflix vorgestellt. Sie soll es erlauben, die Videoplattform nur mit Kopfbewegungen und Gedanken zu steuern. Klingt dekadent, ist aber gar nicht so komplex und bietet kaum Vorteile gegenüber einer guten alten Fernbedienung.

Man nennt es First-World-Problem, wenn sich Menschen in reichen Industrieländern etwa darüber aufregen, dass der Lieferdienst die neue Smartphonehülle erst am Dienstag statt am Montag liefert. So wird man jemandem, der in Armut lebt, kaum erklären können, was daran stört, wenn es in der Kantine statt Reis mal wieder nur Kartoffeln gibt. Oder wenn einem das Benutzen der Fernbedienung zu anstrengend ist, um den Sender zu wechseln.

Aber dieses Problem existiert vermutlich. Oder die Entwickler von Mindflix wollten einfach mal nur scherzhaft auf die Dekadenz unseres Alltags aufmerksam machen. Ich vermute letzteres, denn dem Video zum Mindflix-Projekt ist eine Scherzhaftigkeit nicht abzusprechen:

Mindflix, das auf einem Netflix-Hackathon entstand, verwendet die Gestensteuerung Muse, bei der man sich ein kopfhörerartiges Gestell auf den Kopf setzt. Es misst dann die Bewegungen des Kopfes und kann sie einer angeschlossenen Software mitteilen. Mehr noch: auch Gedankenströme anhand der Messung von Hirnaktivitäten kann Muse feststellen. Dadurch ist der Benutzer in der Lage, nur durch Kopfbewegungen zwischen Serienangeboten nach links und rechts, oben und unten zu blättern. Und möchte er eine Serie auswählen und anschauen, denkt er im Kopf einfach „auswählen“ und es geht los.

Ein einfaches EEG mit Gerhin-Computer-Schnittstelle

Wer schon einmal beim Neurologen war und seine Hirnaktivität mit einem EEG (Elektroenzephalografie) hat messen lassen, der weiß, dass so etwas wie Muse kein Hexenwerk ist. Ein EEG, mit dem auch Muse arbeitet, misst die Spannungsschwankungen an der Kopfoberfläche. Eine Gehirn-Computer-Schnittstelle sorgt für die Mensch-Maschine-Kommunikation. Weil es im Falle von Mindflix eigentlich nur um einen Impuls geht, ist das sogar verhältnismäßig trivial: Die Hardware misst die besondere Aktivität in einem Hirnareal zu einem festgelegten Zeitpunkt.

Muse-Headset
Muse-Headset

Ähnliche Technik wird längst vielerorts eingesetzt, etwa in der Medizin für Patienten mit Lock-in-Syndrom oder in der Prothetik: Menschen, denen etwa Gliedmaßen abgetrennt wurden, können eine Prothese mit Hilfe einer invasiven Schnittstelle bewegen. Muse finanzierte sich bereits vor vier Jahren mit Hilfe von Crowdfunding. Ähnliche Projekte wie Insight findet man auf Crowdfunding-Plattformen immer wieder. Hongkiat listet gleich acht aktuelle Projekte auf, in denen Gedankensteuerung mittels EEG zum Einsatz kommt, darunter ein Auto oder eine Computersteuerung.

Wo ist da jetzt der Komfortgewinn?

Militärs erforschen Gedankensteuerung schon seit Jahrzehnten, und auch ein „Zeit“-Artikel aus dem Jahr 1997 über eine Gedankensteuerung für Games zeigt, dass die Technik genau genommen ein Alter Hut ist. Umtriebig ist heute auf dem Markt neben Muse auch Emotiv. Die Anwendungsfälle sind natürlich begrenzt, eine Steuerung manchmal ungenau, das Feld aber in meinen Augen ungemein spannend, gerade für Menschen, die in ihren motorischen Fähigkeiten eingeschränkt sind. Und nein, damit meine ich nicht Couchpotatoes.

Emotiv-Startseite
Emotiv-Startseite

Womit wir wieder beim Eingangsthema Mindflix wären. Ich weiß nämlich ehrlich gesagt nicht einmal, ob eine Gesten-und-Gedankensteuerung für die Videoplattform so ein hoher Komfortgewinn wäre. Statt mal kurz zur Fernbedienung zu greifen und ein, zwei Tasten zu drücken, soll man lieber die ganze Zeit ein Gestell auf dem Kopf tragen. Statt dem Arm für die Fernbedienung muss man immerhin noch den Kopf bewegen, um zwischen den Videos hin- und herzublättern. Ganz ohne Bewegung geht es also doch nicht. Von daher ist Mindflix in meinen Augen ein witziges Experiment, das mal wieder an die Möglichkeit der Gedankensteuerung erinnert und ein First-World-Problem nicht einmal löst, sondern nur verlagert. Aber immerhin: witzig umgesetzt.

Bilder: Hersteller

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