Unbemannte Schiffe kommen – schneller als manch einem lieb ist

Autos und Züge sollen fahrerlos werden, die Luftfahrt auch. Was fehlt noch? Richtig: der Schiffsverkehr. Rolls Royce will erste Prototypen unbemannter Schiffe noch vor 2020 auf die Weltmeere schicken. Angeblich soll das der Sicherheit dienen.

Gerade auf Spiegel Online (Plus-Artikel) entdeckt und auch im neuen „Spiegel“ zu lesen: autonom fahrende Frachter kommen, also unbemannte Schiffe. Der „Spiegel“ nennt sie gar „Geisterschiffe“. Denn eigentlich logisch: weltweit tüfteln kluge Köpfe daran, Last- und Personenkraftwagen (sprich: Autos) fahrerlos zu machen. In dieser Woche berichtete ich hier im Blog noch von Airbus‘ Plänen, Flugzeuge und fliegende Autos ohne Piloten einzusetzen. Der nächste logische Schritt: der Schiffsverkehr.

Die Europäische Union hat hier ein Förderprojekt namens Munin aufgelegt (Maritime Unmanned Navigation through Intelligence in Networks). Dahinter verbirgt sich die Entwicklung eines Systems für autonom fahrende Schiffe, die aus der Ferne überwacht und zur Not gesteuert werden können. Treibende Kraft scheint hier Rolls Royce zu sein. Berichten aus dem Jahr 2015 und 2016 zufolge plant der britische Konstrukteur, erste Prototypen unbemannter Frachter schon 2020 auf den Weltmeeren einzusetzen. Auch Fraunhofer CML ist am Munin-Projekt beteiligt. Ein weiterer Mitspieler im Rennen um autonome Schiffe ist das Technische Forschungszentrum Finnland, VTT.

Man schütze den Seefahrer vor seinem eigenen Job

Die Beschreibungen des Munin-Projekts und ähnlicher Initiativen klingen rein altruistisch. Es gehe darum, die Zahl von Unfällen zu reduzieren, die in den meisten Fällen tatsächlich auf menschliches Versagen zurückzuführen sind. Gerade Schiffspersonal sei außerdem der Gefahr von Piraten ausgesetzt. Ferner gebe es mittlerweile einen Mangel an geeignetem Schiffspersonal und nicht zuletzt – so steht es wirklich auf der Website des Munin-Projekts – gehe es dabei darum, Technik zu schaffen, die für Seefahrer „sozial nachhaltiger“ sei, indem sich die Zeit reduziere, die sie von ihren Familien getrennt seien.

Intelligente Schiffsteuerung
Intelligente Schiffsteuerung

Ob jemand ebenso begeistert davon ist, der wegen der Technik seinen Arbeitsplatz verliert? Das wird man bezweifeln dürfen. Und eine weitere Komponente spielt hier sicher mit rein, die die Protagonisten nicht so gerne erwähnen: Es wird auch darum gehen, Geld zu sparen. Denn Personal an Bord eines Schiffes zu betreiben, kostet nicht gerade wenig.

Technisch zumindest geht es natürlich darum, eine Software zu entwickeln, die automatisch ihren Kurs hält, Hindernisse erkennt und diesen ausweichen kann – egal, wie Wind und Wetter gerade stehen. Macht das System einen Fehler oder weiß es nicht weiter, muss ein Mensch es aus der Ferne steuern können. Nur, wenn etwas an der Maschinerie defekt und das Schiff manövrierunfähig ist, müssen Techniker oder Lotsen an Bord gebracht werden. Etwa per Schnellboot oder Helikopter.

Erste Tests laufen bereits

Das Projekt, das von Rolls Royce getragen wird, nennt sich Advanced Autonomous Waterborne Applications Initiative (AAWA) und will Prototypen noch vor 2020 fertig haben. Involviert ist auch Tekes, ein von der finnischen Regierung unterstützter Technikfonds. Dieser will das erste autonome Schiffsystem bis 2025 am Laufen haben. Auch Maersk, die größte Containerschiffreederei der Welt, plant mit autonomen Systemen, wenn auch erst ab 2030 oder 2035. Im norwegischen Trondheimsfjord testet Kongsberg bereits jetzt autonome Schifffahrt.

Warum ein Schiff steuern, wenn man mehrere steuern kann? Blick ins Kontrollzentrum.
Warum ein Schiff steuern, wenn man mehrere steuern kann? Blick ins Kontrollzentrum.

Eigentlich klingt es konsequent: Wenn nun jedes Fahrzeug in absehbarer Zeit autonom fährt, dann gehören Schiffe eigentlich auch dazu. Technisch ist es wohl nicht komplexer, ein Schiff unfallfrei über Wasser schippern zu lassen als ein Auto durch eine belebte Straße. Dass das ganze aber auch negative Effekte auf Volkswirtschaften haben kann, besonders solche, die personalintensiv arbeiten, sollte dabei nicht verschwiegen werden. Zumindest „The Maritime Executive“ hat hier einen angenehm differenzierten Blick auf das Thema. Wieder einmal viele tausend Menschen weltweit, die ihre Existenzgrundlage verlieren. Was ist eigentlich die technische Lösung dafür?

Beitragsbilder: Rolls Royce

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